Web-Germanistik: Deppenleerzeichen (Schlogger)

Wir möchten Abhilfe schaffen, indem wir Ihnen ein paar typische Rechtschreibfehler vorstellen, zusammen mit Webseiten, die auf witzige Weise versuchen, Spracherziehung zu leisten. Neben den strengen Regeln und Vorgaben der deutschen Rechtschreibung gönnen wir uns ein wenig Spaß mit tollen Illustrationen von Johanna Baumann alias Schlogger und völlig sinnfreien Beispielen!

1. „Seit“ und „seid“: „Seid wann seit ihr Piraten?“

Web-Germanistik: seit und seid (Schlogger)

Webseiten wie seidseit.de klären auf, ob es „Seid wann seit ihr Piraten?“ heißt oder „Seit wann seid ihr Piraten?“. Oder vielleicht sogar „Seidt wann seidt ihr Piraten?“, wie es der Postillon jüngst verkündet hat?
Spaß beiseite: Wer unsicher ist, ob nun hartes t oder weiches d vonnöten ist, dem sei die Frage „Zeit oder Verb?“ eine schnelle Hilfe. Als Präposition oder Konjunktion bezieht sich „seit“ immer auf die Angabe eines Zeitpunktes: „Ich bin Pirat seit 9 Uhr“ und „Seit ich Pirat bin, trinke ich täglich Rum“. Bezieht sich das gesuchte Wort aber auf das Verb „sein“, konjugiert in der Gegenwartsform mit „ihr“, der zweiten Person Plural, dann wird es mit einem weichen d geschrieben: „Seid ihr wahnsinnig?“ und „Seit ihr Piraten seid, seid ihr so komisch“.

So simpel kann es manchmal sein: Zeit oder Verb? Vielleicht hilft auch die Eselsbrücke, dass „seit“ von „Zeit“ kommt.

2. „Das“ und „dass“: „Das Eis, das du wolltest“

Web-Germanistik: das und dass (Schlogger)

„Das“ und „dass“ zu verwechseln ist sicher einer der häufigsten Fehler, der auch den Sprachgewandtesten unter uns passieren kann. Ob es nun mit einem oder zwei s geschrieben wird, liegt an seiner Verwendung im Satz.

Fall 1: „das“ als Artikel

Als bestimmter Artikel steht „das“ bei einem Substantiv mit neutralem Geschlecht. Es heißt: „das Mädchen“, „das Pferd“ (neutrales Genus, nicht sexusmarkiert, dafür gibt es „Hengst“ und „Stute“) und „das Eis“.

Beispiele:
„Das Mädchen spielt Gameboy.“
„Manchmal trägt das Pferd Schlittschuhe.“
„Magst du das Eis?“

Genus & Sexus – der „Geschlechterkampf“ in der Sprachwissenschaft

Genus und Sexus sind Kategorien der Sprachwissenschaft. Das Genus beschreibt das grammatische Geschlecht eines Substantivs, der Sexus das biologische bzw. natürliche Geschlecht. Im Deutschen gibt es drei Genera: maskulin, feminin und neutral. Genus und Sexus müssen nicht zwingend übereinstimmen, manche Wörter besitzen gar kein natürliches Geschlecht.

Beispiele:
Das Mädchen – neutrales Genus, Sexus weiblich
Das Pferd – neutrales Genus, Sexus unbestimmt (männlich: Hengst; weiblich: Stute)
Der Tisch – maskulines Genus, kein Sexus (weil Gegenstand!)
Die Rechtschreibung – feminines Genus, kein Sexus

 

Fall 2: „das“ als Pronomen

In verschiedenen Fällen kann „das“ auch als sogenanntes Für-Wort für etwas Anderes stehen.

Beispiele:
„Das Eis, das du isst, schaut leckerer aus.“
„Ist es das, was du wolltest?“
„Ich dachte, du wolltest das.“

Hilfreich ist hier besonders die Frage: Auf was bezieht sich „das“? Denn alle drei Beispiele zeigen deutlich die Funktion eines PRO-Nomens: In Beispiel 1 ist mit dem „das“ das Eis gemeint (Relativpronomen im Relativsatz), in den Beispielen 2 und 3 referiert „das“ auf eine Sache außerhalb des Satzes. Im Kontext von Beispiel 1 könnte es sich auf das Eis des Gegenübers („du“) beziehen.

Eine kleine Eselsbrücke in Sachen Relativsatz mit „das“ könnte die Formel sein: Lässt sich das Wort mit „welches“ ersetzen, muss es „das“ mit einem s sein.

Fall 3: „dass“ als Konjunktion

Eine Tatsache an erster Stelle: „Daß“ hat schon seit zwanzig Jahren ausgedient! Wo vor der Rechtschreibreform von 1996 noch „daß“ stand, steht nun „dass“ mit zwei s. Dieses kleine Monster unter den rechtschreiblich schwierigen Wörtern ist eine Konjunktion. Das heißt, mit diesem Wort werden Sätze miteinander verbunden. Im Falle von „dass“ leitet es unterschiedliche Nebensatzarten ein, beispielsweise Subjekt-, Kausal- oder Finalsatz.

Da mag so mancher denken: „Ach, dann orientiere ich mich einfach am Komma“ – so einfach ist das leider nicht. Denn handelt es sich um einen Relativsatz, hat sich ein fieses, kleines „das“ eingeschlichen.

Beispiele:
„Ich dachte ehrlich, dass dir das Eis schmeckt.“
„Dass ich es nicht mag, konntest du ja nicht wissen.“
„Mmh, dass das so gut schmeckt, wusste ich gar nicht.“
„Dass du das Eis isst, das ich schon angeschleckt habe …“

Ausführliche Erklärungen mit Übungen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden bietet die Webseite dassdas.com. Na, wer in Ihrem Team bekommt die Eins mit Stern?

3. Goethe: „Einzigstes, einzigstes Mädchen“

Web-Germanistik: Superlativ (Schlogger)

Sogar Johann Wolfgang von Goethe nutzte die Steigerung des Absolutadjektivs „einzig“ zum Ausdruck überschwänglicher Gefühle: „Gute Nacht, Engel. Einzigstes, einzigstes Mädchen! Und ich kenne ihrer viele!“ Dabei verhält es sich bei Absolutadjektiven wie „leer“, „schwanger“, „tot“, „entscheidend“ und „alleinig“ so, dass sie grundsätzlich keiner Steigerung bedürfen und eigentlich auch nicht gesteigert werden können. Wenn sie die Einzige für dich ist, dann gibt es nur sie, sie ist die Eine. Gibt es ein Glas, das leerer ist als ein anderes? Gibt es unter mehreren Frauen eine, die am schwangersten ist? Finden wir neben der optimalen Lösung die optimalste? Und wenn wir das Foto im entscheidenden Augenblick geschossen haben, hätte es vielleicht den entscheidensten Moment gegeben?

Sie merken schon: Es macht nur in wenigen Fällen Sinn, diese absoluten Adjektive zu steigern. In den meisten Fällen tun wir das aus dem gleichen Grund wie Johann Wolfgang von Goethe, nämlich zum Ausdruck unserer Gefühle. Wir möchten es deutlich betonen.

In der Umgangssprache hat sich das „Einzigste“ leider eingeschlichen wie ein Kuckuckskind und es entzündet im Web so manche hitzige Diskussion. Ob nun emphatische Rhetorik, Stilistik, Umgangssprache oder nicht, als Adjektiv ist „einzig“ ein absolutes Wort. Das heißt, man kann es eigentlich nicht steigern. Mittlerweile wird dieser Superlativ inflationär und in den wenigsten Fällen bewusst als stilistisches Mittel gebraucht. Es hat sich schlichtweg eingebürgert! In Franken gehört es zum fränkischen Dialekt.

Vielleicht ist es genau deshalb an der Zeit, sich zurück zu besinnen. Natürlich ist die Verwendung des Superlativs – manche sprechen auch von Hyperlativ – völlig in Ordnung, aber eben nur in Maßen. Denn sonst sind wir bald bei solchen Phrasen angelangt: „Du bist die einzigartigste Frau für mich“.

Die Dringlichkeit dieses Unterfangens haben nicht nur wir erkannt. Auch die Populärkultur setzt sich damit auseinander: Captain Jack Sparrow verweist im ersten Teil von „Pirates of the Caribbean“ auf diesen gängigen Fehler und die Vokal-Pop-Band Wise Guys besingt es in dem Song „Meine Deutschlehrerin“ mit den Worten „Sie war die Frau, die wo für mich die Allereinzigste war“.

4. Der Deppenapostroph

Web-Germanistik: Apostroph (Schlogger)

Der Einfluss anderer Sprachen ist überall im Deutschen zu spüren: Wissenschaftliche Fachbegriffe bedienen sich des Altgriechischen oder des Lateinischen, „Spaghetti“ und „Pesto“ stammt aus dem Italienischen, „Portemonnaie“ und „Crème de la Crème“ haben wir der französischen Sprache zu verdanken. In der Arbeitswelt ist es Englisch, das einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie wir uns ausdrücken. Da fallen dann Sätze wie „Das ist mir nicht fancy genug und wird niemals unsere Conversion ankurbeln. Work it over, aber asap!“ Ein recht großes Übel, das wir möglicherweise aus dem Englischen übernommen haben, ist das Verlangen, zu viele Apostrophen zu setzen.

Um es in wenigen Worten auf den Punkt zu bringen: Nur in ein paar wenigen Fällen ist der Apostroph wirklich gerechtfertigt – den Plural markiert er aber keinesfalls! Fangen wir beim Positiven an: Wann ist es vollkommen legitim, einen Apostroph zu setzen?

  • Bei Genitivkonstruktionen mit Namen, die auf einen s-Laut enden. Dazu gehören nicht nur s, ss und ß, sondern auch tz, z, und x.
    Beispiele: Max‘ Breze(l) und Moritz‘ Bratwurst, Andreas‘ Bier (männlich)
  • Bei Verkürzungen des Pronomens „es“, wie in „Na, wie geht’s?“ und „Gib’s doch zu!“
  • Bei Verkürzungen unbestimmter Artikel wie „ein“ und „eine“: „So ’ne Schweinerei!“ und „Gib mir noch ’n Einhorn!“

Gerade wenn es um den Genitiv geht, ist die Frage „In welcher Sprache bewegen wir uns?“ von Bedeutung. Ist es eine komplett deutsche Phrase oder gehört sie doch ins Englische? Zum Beispiel der Name einer Bar: Ist es „Harry’s Bar“ (englisch ausgesprochen: Härry) oder „Harrys Bar“ (deutsch ausgesprochen mit a, nicht ä)? Diese Umstände müssen mit einbezogen werden. Wenn es um „Pauls Teeladen“ geht, wissen wir nun: Wir sparen uns den Apostroph. Der kleine Mops weist galant darauf hin!

Absolutes No-Go ist der Missbrauch des Apostrophs zur Markierung der Pluralform eines Substantivs: viele Handy’s, meine Auto’s, die CD’s. Auch bei der Genitivkonstruktion mit Eigennamen, die eben nicht auf s-Laute enden, steht im Deutschen schlichtweg kein Apostroph: Anjas Fahrrad, Goethes Werther und Angela Merkels Hausmops. Verkürzt man einen bestimmten Artikel und fügt ihn mit einer davorstehenden Präposition zusammen, steht übrigens ebenfalls kein Apostroph: „Gehst du mit ins Kino?“ und „Trau dich und geh aufs Ganze!“

Wenn Sie diese kleinen Regeln rund um den Apostroph – auch Auslassungszeichen, Hochkomma oder Oberstrich genannt – beherzigen und der Faustregel „Lieber ein Apostroph weniger als einer zu viel“ folgen, kann nichts mehr schiefgehen!

Für Ihr Amüsement schauen Sie doch einmal auf Instagram!

5. Das Deppenleerzeichen

Web-Germanistik: Deppenleerzeichen (Schlogger)

Ein neuer Trend nimmt ungeahnte Ausmaße an: Zusammengesetzte Substantive werden ohne Grund mit einem Leerzeichen getrennt, bei Verbindungen mit Bindestrich wird dieser von einem dicken Leerzeichen verdrängt. Gehen Sie einmal mit offenen Augen durch den Supermarkt Ihres Vertrauens: Da gibt es neuerdings „Brillen Putztücher“, „Würfel Zucker“, „Stein Ofen Pizza“, „Erkältungs Tee“ oder „Vanille Geschmack“!

Helfen Sie mit!

Sollten Sie Zeuge eines derartigen Missbrauchs der deutschen Sprache werden, so zücken Sie das Smartphone und halten Sie den Fehler fest. Unterstützen Sie die ehrenamtlichen Web-Germanisten im Kampf gegen diese groben Fehler!

21 Kommentare

  1. Schöner Artikel, vor allem wegen der Zeichnungen von Schlogger 🙂

    Aber wenn die deutsche Sprache und Rechtschreibung gerettet werden soll, dann sollte bitte unbedingt darauf geachtet werden, dass auch die aus dem amerikanischen kommende Floskel „Es macht Sinn.“ in so einem Artikel nichts zu suchen hat. Im Deutschen ist etwas sinnvoll oder bestenfalls ergibt es Sinn.

    In diesem Sinne: schönen Gruß
    Lars

    • Lieber Lars,

      danke für deine Anmerkung!
      In der Tat stammt das aus dem Englischen. Allerdings verzeichnet es der Duden, somit ist es eigentlich legitim.

      Viele Grüße
      Anja

  2. Toller Artikel!! Hat mir Spaß gemacht, ihn zu lesen – und spricht viele Fehler an, die mich ein wenig stören in der heutigen Foren- und Chatlandschaft.

    Aber das Deppenleerzeichen ist ja einfach erklärt: Das passiert eben immer dann, wenn man mit einem Smartphone einen Text verfasst. Da die Wortvorschläge meist nur simple Worte (er)kennen, nicht aber die zusammengesetzten Worte, bestätigt man das erste Wort, worauf die Software direkt mal ein Leerzeichen setzt. Es ist also schier mühselig, nun Backspace zu drücken und weiter zu Schreiben. Zumal die Autokorrektur dann nicht mehr greift…
    Plus der Ursprung der Software: Im Englischen werden die Worte ja auch mit Leerzeichen verbunden…

    Dennoch nicht schön, und schon gar nicht entschuldbar, wenn man an der Tastatur sitzt…

    PS: Schlogger hat mich hierher gelockt! 😉

    • Danke für dein Feedback, Tom!

      Die Vermutung mit der Autokorrektur ist sicher richtig. In der Werbung kommt es eventuell daher, dass die Bindestriche in vielen Fällen einfach unschön wirken – rein grafisch gesehen. Wieso aber nicht einmal der „Erkältungs Tee“ > „Erkältungstee“ heißt, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären! 😉

      Viele Grüße
      Anja

  3. Was mir in der ansonsten wirklich guten Auflistung von häufigen, leider oft schon gesellschaftlich zu unrecht tolerierten Fehlern fehlt, ist der falsch gebildete Imperativ.
    „Werf den Ball her!“ Oder „Sterb endlich, Du elende Mücke!“

    • Lieber Reiner,

      vielen Dank für deinen Vorschlag – ist notiert! Vielleicht gibt es ja eines Tages „Web-Germanistik – Teil 2“ 😉

      Viele Grüße
      Anja

    • Stimmt, das nervt mich auch zu oft …

      Imperativ mit „i“ – „sterbi“
      ( Nicht von mir, aber schön. 😉 )

      Fernerhin falsche Satzkonstruktionen mit „weil“: Nein, hinter „weil“ kommt _kein_ Hauptsatz.
      Mit „denn“ könnte man das machen. Ach, es wäre so einfach. 😎

  4. Super, danke!
    Aber eine Frage habe ich doch: Wie sieht es denn eigentlich aus mit „Etwas macht Sinn“. Das ist doch eingedeutscht, oder nicht?

    • Liebe Schlotte,

      ja, da hast du recht. Der Duden hat es verzeichnet. Allerdings ist es als „umgangssprachlich“ markiert – Asche auf mein Haupt! 😉

      Viele Grüße
      Anja

  5. Es fehlt noch, was mich am schnellsten zur Weißglut treibt, das Idioten-nen: „N Freund hat mir erzählt, dass…“ Offenbar ist mittlerweile völlig unbekannt, dass es ’n heißen müsste und es auch das ’ne gibt. Das sind Abkürzungen für ein/e.

    • Danke für deinen Kommentar! Da hast du natürlich völlig recht. Konjugation und Konjunktion verwechsle ich gerne! Ich habe es schon ausgebessert, danke dafür! 🙂

      Viele Grüße
      Anja

    • Da hast du mich wahrlich ertappt! Ich habe mich von dem Gedanken an Moritz‘ fränkische Bratwurst blenden lassen 😉 Das ist doch ein tolles Beispiel, dass man die Benutzung mancher Alltagswörter einfach selten reflektiert. Um auch unsere Leser ohne bayerische oder östereichische Wurzeln abzuholen, habe ich die hochdeutsche Version nun aufgenommen. Vielen Dank dafür!

      Viele Grüße
      Anja

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